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Gericht:Schleswig-Holsteinisches Verwaltungsgericht 11. Kammer
Entscheidungsdatum:17.05.2018
Aktenzeichen:11 B 55/18
ECLI:ECLI:DE:VGSH:2018:0517.11B55.18.00
Dokumenttyp:Beschluss
Quelle:juris Logo

Ausländerrecht - Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung -

Tenor

Die aufschiebende Wirkung der Klage zum Aktenzeichen 11 A 463/18 wird angeordnet.

Der Antragsgegner trägt die Kosten des Verfahrens.

Der Streitwert wird auf 5.000,- € festgesetzt.

Gründe

I.

1

Die Antragstellerin ist nach eigenen Angaben iranische Staatsangehörige. Sie stellte im Jahr 2007 einen Asylantrag, der ohne Erfolg blieb. Die Antragstellerin ist vollziehbar ausreisepflichtig. Über einen Pass verfügt sie nicht. Sie ist seit mehreren Jahren im Besitz einer Duldung.

2

Auf Veranlassung des Antragsgegners suchte die Antragstellerin mehrmals das Generalkonsulat des Iran in B-Stadt auf und füllte Passersatzanträge aus. Dies blieb ohne Erfolg. Laut einer Mitteilung des Generalkonsulats vom 29.07.2016 könne sich die Antragstellerin mit keinerlei iranischen Papieren ausweisen. Unter diesen Umständen sei die Ausstellung eines iranischen Reisepasses nicht möglich.

3

Im November 2017 stellte der Antragsgegner bei dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten ein Amtshilfeersuchen zur Aufnahme in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige. Mit Schreiben vom 08.11.2017 wurde die Aufnahme durch das Landesamt zugesichert.

4

Mit Bescheid vom 26.01.2018 wurde die Antragstellerin aufgefordert, sich am 28.02.2018 bis 12.00 Uhr zur Vorsprache in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige des Landes Schleswig-Holstein in Boostedt (LukA) einzufinden. Ihr persönliches Erscheinen wurde angeordnet. Gemäß § 61 Abs. 1e AufenthG wurde angeordnet, dass die Antragstellerin ab dem 28.02.2018 ihren Wohnsitz in der LukA zu nehmen habe. Gemäß § 61 Abs. 1e AufenthG wurde der räumliche Aufenthaltsbereich der Antragstellerin ab dem 28.02.2018 auf das Gemeindegebiet Boostedt beschränkt. Die sofortige Vollziehung wurde angeordnet. Die Anwendung unmittelbaren Zwangs wurde angedroht. In der Begründung hieß es u.a., die Anordnung der Vorsprache und der Unterbringung solle die Erreichbarkeit der Antragstellerin erhöhen, um so ihre freiwillige Ausreise zu fördern. Nur durch die Verpflichtung zur Wohnsitznahme in der LukA könne sichergestellt werden, dass die Antragstellerin für das Landesamt für Ausländerangelegenheiten angemessen erreichbar sei. Die Durchführung der Ausreisepflicht der Antragstellerin stehe derart konkret bevor, dass eine unmittelbare Erreichbarkeit ihrerseits für die weitere Umsetzung unerlässlich sei. Eine Beendigung ihres Aufenthaltes stehe unmittelbar bevor.

5

Die Antragstellerin legte Widerspruch ein, der mit Widerspruchsbescheid vom 22.02.2018 zurückgewiesen wurde.

6

Die Antragstellerin hat am 22.03.2018 Klage erhoben (11 A 463/18) und zugleich einen Antrag auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes gestellt. Zur Begründung trägt sie u.a. vor, sie habe zur Passbeschaffung mehrmals das Generalkonsulat des Iran aufgesucht und auch die erforderliche Freiwilligkeitserklärung abgegeben. Sie könne jedoch die von dem Generalkonsulat geforderten Unterlange nicht vorlegen. Bei Verlassen des Iran habe es die iranische Kennkarte und die iranische Nationalkarte noch gar nicht gegeben. Insofern habe sie diese nie besessen. Sie habe es nicht zu vertreten, dass sie über keine Ausweisdokumente verfüge. Die Antragstellerin legt eine Bescheinigung des Generalkonsulats vom 13.04.2018 vor, in welcher es heißt, es werde bescheinigt, dass für die Antragstellerin kein iranischer Reisepass ausgestellt werden könne, da sie die notwendigen Unterlagen hierzu nicht besitze. Weiterhin enthält das Schreiben eine Aufzählung der erforderlichen Unterlagen.

7

Die Antragstellerin beantragt,

8

die aufschiebende Wirkung ihrer Klage wiederherzustellen bzw. anzuordnen.

9

Der Antragsgegner beantragt,

10

den Antrag abzulehnen.

11

Zur Begründung trägt der Antragsgegner u.a. vor, die Unterbringung in der Landesunterkunft solle die Antragstellerin unterstützen, eine Passbeschaffung zu erreichen und eine freiwillige Ausreise zu ermöglichen. Dort sei Fachpersonal vorhanden, welches bei der Beschaffung möglicherweise fehlender Dokumente zur Beantragung des Passes helfen könne. Es bestehe die Möglichkeit, die Rückkehrbereitschaft dadurch zu dokumentieren, dass der Wohnsitz in der Landesunterkunft bezogen und um Unterstützung bei der Beschaffung der für Ausreise erforderlichen Dokumente gebeten werde. Für die Passersatzbeschaffung sei die persönliche Vorsprache beim Generalkonsulat des Iran notwendig, wo die iranische Staatsangehörigkeit durch geeignete Dokumente nachgewiesen werden müsse und eine Erklärung zur freiwilligen Rückreise in den Iran sowie eine Flugbestätigung vorgelegt werden müssten. Es sei dort auch eine Gebühr zu entrichten. Nach Erfahrungswerten des mit der Passersatzbeschaffung befassten Landesamtes werde die Dauer der Passersatzbeschaffung mit ca. 1 bis 2 Wochen angegeben.

12

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sachverhalts und des Vorbringens der Parteien wird auf den Inhalt der Gerichtsakten und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge Bezug genommen.

II.

13

Der Antrag gemäß § 80 Abs. 5 VwGO ist zulässig, insbesondere ist der Antrag, die aufschiebende Wirkung der Klage gegen die Wohnsitzauflage anzuordnen als Antrag gemäß § 80 Abs. 5 Satz 1 Alt. 1 und Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 VwGO statthaft, da Widerspruch und Klage gegen die Auflage nach § 61 Abs. 1e AufenthG, in einer Ausreiseinrichtung Wohnung zu nehmen, nach § 84 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG keine aufschiebende Wirkung haben.

14

Der Antrag ist auch begründet.

15

Die Entscheidung über einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO ergeht aufgrund einer Interessenabwägung. In diese Abwägung ist die Erfolgsaussicht des eingelegten Rechtsbehelfs dann maßgeblich einzubeziehen, wenn sie in der einen oder anderen Richtung offensichtlich ist. An der Vollziehung eines offensichtlich rechtswidrigen Bescheides besteht kein öffentliches Interesse. Ist der Bescheid hingegen offensichtlich rechtmäßig, ist ein Aussetzungsantrag in den Fällen des gesetzlich angeordneten Sofortvollzugs regelmäßig abzulehnen.

16

Nach diesen Maßstäben ist die aufschiebende Wirkung der Klage gegen den Bescheid vom 26.01.2018 anzuordnen, da die in dem Bescheid enthaltene Wohnsitzauflage offensichtlich rechtswidrig ist und hieraus auch die Rechtswidrigkeit der damit im Zusammenhang stehenden weiteren Anordnung folgt.

17

Rechtsgrundlage für die Anordnung, in der Ausreiseeinrichtung für vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer Wohnung zu nehmen, ist § 61 Abs. 1e AufenthG. Nach dieser Vorschrift können über die gesetzlich angeordnete räumliche Beschränkung eines vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländers nach § 61 Abs. 1 Satz 1 AufenthG weitere Bedingungen und Auflagen angeordnet werden (vgl. auch zur gleichlautenden Vorgängerregelung § 61 Abs. 1 Satz 2 AufenthG a.F., BT-Drucks. 15/420, S. 92). Insbesondere ergibt sich die Möglichkeit einer solchen Anordnung auch aus § 84 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG.

18

Hat das Land – wie hier durch die Errichtung der Ausreiseeinrichtung in Boostedt – von der entsprechenden Ermächtigung gemäß § 61 Abs. 2 Satz 1 AufenthG Gebrauch gemacht, steht der Erlass einer Auflage gegenüber einem vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländer, dort Wohnung zu nehmen, im pflichtgemäßen Ermessen der Behörde.

19

Im Rahmen der Ermessensausübung sind die in § 61 Abs. 2 Satz 2 AufenthG normierten Zwecke zu berücksichtigen. Danach soll in den Ausreiseeinrichtungen durch Betreuung und Beratung die Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise gefördert und die Erreichbarkeit für Behörden und Gerichte sowie die Durchführung der Ausreise gesichert werden. Nach der Gesetzesbegründung zu § 61 Abs. 1 Satz 2 a.F. ermöglicht die Unterbringung in einer solchen Einrichtung eine intensivere, auf eine Lebensperspektive außerhalb des Bundesgebiets gerichtete psycho-soziale Betreuung. Sie stellt gegenüber der Abschiebehaft ein milderes Mittel dar. Die intensive Betreuung soll zur Förderung der Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise oder zur notwendigen Mitwirkung bei der Beschaffung von Heimreisedokumenten beitragen. Darüber hinaus ist die gezielte Beratung über die bestehenden Programme zur Förderung der freiwilligen Rückkehr möglich (BT-Drucks. 15/420, S. 92).

20

Ausweislich des Erlasses des Ministeriums für Inneres, ländliche Räume und Integration vom 29.12.2016 „Unterbringung von vollziehbar Ausreisepflichtigen in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige“ müssen die aufzunehmenden Personen vollziehbar ausreisepflichtig sein (§ 58 Abs. 1 und 2 AufenthG) und dem Grunde nach Anspruch auf Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben. Des Weiteren muss die Durchsetzbarkeit der Ausreisepflicht der aufzunehmenden Personen in absehbarer Zeit realisierbar sein. Dies ist der Fall, wenn das Landesamt für Ausländerangelegenheiten prognostiziert, dass Maßnahmen zur Ausreisevorbereitung umgehend eingeleitet werden können. Nicht aufgenommen werden Personen aus Staaten, in die nicht oder nicht in absehbarer Zeit zurückgeführt werden kann sowie Personen, bei denen aus gesundheitlichen Gründen eine Unterbringung in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige nicht möglich ist.

21

Es muss demnach ein sinnvoller Bezug zu den Verfahrenszwecken vorliegen, eine Auflage, die vorrangig Sanktionscharakter hat, ist unzulässig (OVG Magdeburg, Beschl. vom 11.03.2013 – 2 M 168/12 –, juris Rn. 6; ebenso OVG Schleswig, Beschluss vom 21.12.2017 – 4 MB 93/17 –, juris Rn. 7). Dementsprechend müssen die Maßnahmen in Anbetracht des konkreten Einzelfalls erfolgversprechend sein. Soweit gemäß dem zitierten Erlass die Realisierbarkeit der Ausreisepflicht bereits dann angenommen werden soll, wenn das Landesamt „die Möglichkeit der Einleitung von Maßnahmen zur Ausreisevorbereitung“ prognostiziert, so muss es sich auf jeden Fall um erfolgversprechende Maßnahmen handeln. Dies ergibt sich aus dem maßgeblichen Zweck der Maßnahme und im Übrigen auch aus dem Erlass selbst, der es an anderer Stelle für die Aufnahme des Ausländers als entscheidungserheblich bezeichnet, ob die Aufenthaltsbeendigung tatsächlich und rechtlich möglich ist (OVG Schleswig, Beschluss vom 21.12.2017 – 4 MB 93/17 – juris Rn. 8).

22

Gemessen an diesen Maßstäben erweist sich die Anordnung der Wohnsitzauflage als ermessensfehlerhaft. Den vorliegenden Verwaltungsvorgängen ist die erforderliche Prognose des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten nicht zu entnehmen. Tatsächliche Grundlagen, die eine Prognose tragen, dass eine Realisierbarkeit der Ausreiseplicht in absehbarer Zeit möglich ist, sind nicht erkennbar. Der Begründung des angefochtenen Bescheides und auch dem Vorbringen des Antragsgegners im gerichtlichen Verfahren kann nicht entnommen werden, dass der Antragsgegner sich hinreichend mit dem konkreten Einzelfall auseinandergesetzt und Ermessenserwägungen auf einer zutreffenden Tatsachengrundlage getroffen hat.

23

Der Antragsgegner geht in dem angefochtenen Bescheid davon aus, dass die Durchsetzung der Ausreisepflicht derart konkret bevorsteht, dass eine unmittelbare Erreichbarkeit für die weitere Umsetzung unerlässlich sei. Tatsächliche Grundlagen hierfür sind angesichts der Mitteilungen des iranischen Generalkonsulats vom 29.07.2016 und 13.04.2018 nicht ersichtlich. Nach diesen Mitteilungen ist zunächst einmal davon auszugehen, dass eine Erteilung eines Reisepasses ohne Vorlage der in den Mitteilungen genannten Dokumente nicht möglich sein wird. Konkrete Anhaltspunkte dafür, wie und in welcher Zeit ggfs. die für die Ausstellung eines Reisepasses erforderlichen Dokumente beschafft werden können, sind weder dem Verwaltungsvorgang noch der Antwort des Antragsgegners auf eine entsprechende Nachfrage des Gerichts vom 03.05.2018 zu entnehmen. Soweit der Antragsgegner darauf abstellt, die Unterbringung in der Landesunterkunft sei erforderlich, um die Bereitschaft der Antragstellerin zur Mitwirkung zu fördern, verkennt dies zudem, dass die Antragstellerin wiederholt bei dem Generalkonsulat vorgesprochen hat. Nach ihrem Vortrag, dem der Antragsgegner nicht entgegengetreten ist, hat sie dort auch die erforderliche Freiwilligkeitserklärung abgegeben. Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus der Erklärung des Generalkonsulats vom 13.04.2018, welche nicht auf eine fehlende Freiwilligkeitserklärung abstellt. Dass die Antragstellerin im Jahr 2014 beim Generalkonsulat erklärt hat, sie wolle Deutschland nicht verlassen, kann angesichts dessen nicht die Annahme begründen, die Antragstellerin sei zur Mitwirkung nicht bereit.

24

Die Anordnung der Wohnsitzauflage ist danach ermessensfehlerhaft ergangen. Dies führt zur offensichtlichen Rechtswidrigkeit der Anordnung sowie der weiteren hiermit im Zusammenhang und auf die Wohnsitzauflage aufbauenden Anordnungen.

25

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO, die Streitwertfestsetzung auf §§ 52 Abs. 2, 53 Abs. 2 Nr. 1 GKG.

 


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