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Gericht:Schleswig-Holsteinisches Verwaltungsgericht 11. Kammer
Entscheidungsdatum:05.06.2018
Aktenzeichen:11 B 79/18
ECLI:ECLI:DE:VGSH:2018:0605.11B79.18.00
Dokumenttyp:Beschluss
Quelle:juris Logo

Ausländerrecht - Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung

Tenor

Die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs gegen den Bescheid vom 08.05.2018 wird angeordnet, soweit mit diesem Bescheid angeordnet wird, dass der Antragsteller in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige Boostedt bis auf weiteres seine Wohnung zu nehmen hat.

Die Antragsgegnerin trägt die Kosten des Verfahrens.

Der Streitwert wird auf 5.000,- € festgesetzt.

Gründe

1

Der gegen den Bescheid vom 08.05.2018 eingelegte Widerspruch richtet sich nach seinem Wortlaut und der Begründung allein gegen die in dem Bescheid enthaltene Wohnsitzauflage, nicht jedoch gegen die mit dem Bescheid ausgesprochene Verfügung beim Landesamt für Ausländerangelegenheiten am 05.06.2018 bis 11.00 Uhr vorzusprechen. Mit dem Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung dieses Widerspruchs, zu dessen Begründung der Antragsteller auf den Widerspruch Bezug nimmt, wird daher die aufschiebende Wirkung nur in einem begrenzten Umfang begehrt.

2

Der Antrag gemäß § 80 Abs. 5 VwGO ist zulässig, insbesondere ist der Antrag, die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs gegen die Wohnsitzauflage anzuordnen als Antrag gemäß § 80 Abs. 5 Satz 1 Alt. 1 und Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 VwGO statthaft, da Widerspruch und Klage gegen die Auflage nach § 61 Abs. 1e AufenthG, in einer Ausreiseinrichtung Wohnung zu nehmen, nach § 84 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG keine aufschiebende Wirkung haben.

3

Der Antrag ist auch begründet.

4

Die Entscheidung über einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO ergeht aufgrund einer Interessenabwägung. In diese Abwägung ist die Erfolgsaussicht des eingelegten Rechtsbehelfs dann maßgeblich einzubeziehen, wenn sie in der einen oder anderen Richtung offensichtlich ist. An der Vollziehung eines offensichtlich rechtswidrigen Bescheides besteht kein öffentliches Interesse. Ist der Bescheid hingegen offensichtlich rechtmäßig, ist ein Aussetzungsantrag in den Fällen des gesetzlich angeordneten Sofortvollzugs regelmäßig abzulehnen.

5

Nach diesen Maßstäben ist die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs gegen den Bescheid vom 08.05.2018 in dem aus dem Tenor ersichtlichen Umfang anzuordnen, da die in dem Bescheid enthaltene Wohnsitzauflage offensichtlich rechtswidrig ist.

6

Rechtsgrundlage für die Anordnung, in der Ausreiseeinrichtung für vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer Wohnung zu nehmen, ist § 61 Abs. 1e AufenthG. Nach dieser Vorschrift können über die gesetzlich angeordnete räumliche Beschränkung eines vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländers nach § 61 Abs. 1 Satz 1 AufenthG weitere Bedingungen und Auflagen angeordnet werden (vgl. auch zur gleichlautenden Vorgängerregelung § 61 Abs. 1 Satz 2 AufenthG a.F., BT-Drucks. 15/420, S. 92). Insbesondere ergibt sich die Möglichkeit einer solchen Anordnung auch aus § 84 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG.

7

Hat das Land – wie hier durch die Errichtung der Ausreiseeinrichtung in Boostedt – von der entsprechenden Ermächtigung gemäß § 61 Abs. 2 Satz 1 AufenthG Gebrauch gemacht, steht der Erlass einer Auflage gegenüber einem vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländer, dort Wohnung zu nehmen, im pflichtgemäßen Ermessen der Behörde.

8

Im Rahmen der Ermessensausübung sind die in § 61 Abs. 2 Satz 2 AufenthG normierten Zwecke zu berücksichtigen. Danach soll in den Ausreiseeinrichtungen durch Betreuung und Beratung die Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise gefördert und die Erreichbarkeit für Behörden und Gerichte sowie die Durchführung der Ausreise gesichert werden. Nach der Gesetzesbegründung zu § 61 Abs. 1 Satz 2 a.F. ermöglicht die Unterbringung in einer solchen Einrichtung eine intensivere, auf eine Lebensperspektive außerhalb des Bundesgebiets gerichtete psycho-soziale Betreuung. Sie stellt gegenüber der Abschiebehaft ein milderes Mittel dar. Die intensive Betreuung soll zur Förderung der Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise oder zur notwendigen Mitwirkung bei der Beschaffung von Heimreisedokumenten beitragen. Darüber hinaus ist die gezielte Beratung über die bestehenden Programme zur Förderung der freiwilligen Rückkehr möglich (BT-Drucks. 15/420, S. 92).

9

Ausweislich des Erlasses des Ministeriums für Inneres, ländliche Räume und Integration vom 29.12.2016 „Unterbringung von vollziehbar Ausreisepflichtigen in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige“ müssen die aufzunehmenden Personen vollziehbar ausreisepflichtig sein (§ 58 Abs. 1 und 2 AufenthG) und dem Grunde nach Anspruch auf Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben. Des Weiteren muss die Durchsetzbarkeit der Ausreisepflicht der aufzunehmenden Personen in absehbarer Zeit realisierbar sein. Dies ist der Fall, wenn das Landesamt für Ausländerangelegenheiten prognostiziert, dass Maßnahmen zur Ausreisevorbereitung umgehend eingeleitet werden können. Nicht aufgenommen werden Personen aus Staaten, in die nicht oder nicht in absehbarer Zeit zurückgeführt werden kann sowie Personen, bei denen aus gesundheitlichen Gründen eine Unterbringung in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige nicht möglich ist.

10

Es muss demnach ein sinnvoller Bezug zu den Verfahrenszwecken vorliegen, eine Auflage, die vorrangig Sanktionscharakter hat, ist unzulässig (OVG Magdeburg, Beschl. vom 11.03.2013 – 2 M 168/12 –, juris Rn. 6; ebenso OVG Schleswig, Beschluss vom 21.12.2017 – 4 MB 93/17 –, juris Rn. 7). Dementsprechend müssen die Maßnahmen in Anbetracht des konkreten Einzelfalls erfolgversprechend sein. Soweit gemäß dem zitierten Erlass die Realisierbarkeit der Ausreisepflicht bereits dann angenommen werden soll, wenn das Landesamt „die Möglichkeit der Einleitung von Maßnahmen zur Ausreisevorbereitung“ prognostiziert, so muss es sich auf jeden Fall um erfolgversprechende Maßnahmen handeln. Dies ergibt sich aus dem maßgeblichen Zweck der Maßnahme und im Übrigen auch aus dem Erlass selbst, der es an anderer Stelle für die Aufnahme des Ausländers als entscheidungserheblich bezeichnet, ob die Aufenthaltsbeendigung tatsächlich und rechtlich möglich ist (OVG Schleswig, Beschluss vom 21.12.2017 – 4 MB 93/17 – juris Rn. 8).

11

Gemessen an diesen Maßstäben erweist sich die Anordnung der Wohnsitzauflage als ermessensfehlerhaft. Der Begründung des angefochtenen Bescheides und auch dem Vorbringen der Antragsgegnerin im gerichtlichen Verfahren kann nicht entnommen werden, dass die Antragsgegnerin sich hinreichend mit dem konkreten Einzelfall auseinandergesetzt und Ermessenserwägungen auf einer zutreffenden Tatsachengrundlage getroffen hat.

12

Die Antragsgegnerin geht nach der Begründung des Bescheides davon aus, dass der Antragsteller keinerlei Anstrengungen unternommen habe, seiner Ausreisepflicht nachzukommen. Diese dem Bescheid zugrunde gelegte Tatsachengrundlage lässt sich den dem Gericht vorliegenden Akten nicht entnehmen. Es lässt sich insbesondere nicht feststellen, dass der Antragsteller Aufforderungen der Antragsgegnerin zur Mitwirkung bei der Passersatzbeschaffung nicht nachgekommen ist. Vielmehr dürfte der nach Abschluss des Asylverfahrens andauernde Aufenthalt des Antragstellers zumindest auch darauf zurückzuführen sein, dass die Akte bei der Antragsgegnerin nicht weiter bearbeitet wurde. Noch vor Rechtskraft des im asylrechtlichen Verfahrens ergangenen Urteils stellte der Antragsteller am 14.01.2013 einen Antrag, ihm eine Aufenthaltserlaubnis gemäß § 25 Abs. 5 AufenthG zu erteilen. Über diesen Antrag wurde erst mit Bescheid vom 11.10.2017 entschieden. Der Antragsteller wurde am 16.10.2017 zur Vorsprache bei der Botschaft xxx aufgefordert. Dieser Aufforderung kam er nach. Die Botschaft xxx bestätigte am 20.11.2017, dass der Antragsteller bei der Konsularabteilung für die Überprüfung der Staatsangehörigkeit einen Antrag gestellt habe. Das Überprüfungsverfahren dauere 3 bis 4 Monate. Dass ein Ergebnis dieses Verfahrens zwischenzeitlich vorliegt, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Zwar kam der Antragsteller einer Aufforderung, sich am 18.04.2018 bei dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten nicht nach, belegte jedoch durch eine ärztliche Bescheinigung, dass er zu diesem Zeitpunkt erkrankt war.

13

Es ist nicht ersichtlich, dass die Antragsgegnerin diese Abläufe, insbesondere das bei der Botschaft xxx laufende Verfahren, in ihre Entscheidung einbezogen hat. Angesichts des bei der Botschaft eingeleiteten Verfahrens ergibt sich aus dem Bescheid insbesondere nicht, inwieweit die Wohnsitzauflage dem oben dargestellten gesetzlichen Zweck dienen kann.

14

Die Anordnung der Wohnsitzauflage ist danach ermessensfehlerhaft ergangen.

15

Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO, die Streitwertfestsetzung auf §§ 52 Abs. 2, 53 Abs. 2 Nr. 2 GKG.

 


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